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Seminar: Philosophische Theodizeeprojekte aus dem Umfeld des Judentums, Christentums und des Islam

Zeit: Mittwoch, 12h(c.t.)-14h

Raum: HG 1.072

Beginn: 16.10.2013

 

Beschreibung:

Der antike Skeptizismus erklärte die Inkompatibilität eines allmächtigen, allwissenden und gütigen Gott mit der gleichzeitigen Existenz des Übels. Philosophen und Theologen aus dem kulturellen Umfeld der monotheistischen Religionen fühlten sich durch diese These herausgefordert. Aber auch Erfahrungen von Anhängern der abrahamitischen Religionen erzwingen die Frage, wie Gott sich angesichts vielfältiger Formen des Leidens rational rechtfertigen lasse. Prominent ist die alttestamentliche Figur Hiobs. Sein Protest wendet sich gegen Gott, nachdem ihm Schicksalsschläge alles entrissen haben, was ihm etwas bedeutete. Durch Auschwitz stellt sich die Frage nach der Vereinbarkeit von Leid und einem gütigen Gott in verschärfter Weise. Die us-amerikanische Philosophin jüdischer Herkunft Susan Neiman problematisiert sogar die Möglichkeit von Philosophie nach Auschwitz, um dennoch das Böse zu denken – inspiriert von Hannah Arendt. Hans Jonas versucht in Anlehnung an Hegel einen philosophischen Gottesbegriff nach Auschwitz zu konzipieren. Der Koran bietet eine Deutung Hiobs, die ganz auf seine Ergebenheit in sein Schicksal zielt. Der Bonner Islamwissenschaftler Navid Kermani macht auf eine alternative Hiob-Figur der Rebellion aufmerksam, die im „Buch der Leiden“ des 12. Jhs. ihre Verkörperung findet und eine unbekannte Seite des Islam enthüllt, der mitunter als theodizeevergessen charakterisiert wird. Der philosophische Rationalismus innerhalb der islamischen Tradition bezieht die Realität des Leidens auf die Ermöglichung menschlicher Verantwortung bezogen. Damit antizipiert der islamische Rationalismus die moderne Free-will-Theodizee. Gottfried Wilhelm Leibniz, Richard Swinburne und viele andere Philosophen bieten, inspiriert vom christlichen Schöpfungsglauben, rationale Argumente von der besten aller Welten und der Bedeutung des Leids für die Entwicklung der Persönlichkeit - Argumente, die ihre Kritiker fanden wie jede affirmative Theodizee.
Ziel des Seminars ist es, die philosophischen Argumentationsstrategien ausschlaggebender Autoren zur Theodizee zu analysieren, den dabei maßgeblichen Glaubenshintergrund auszuleuchten und die Stichhaltigkeit der Argumente zu überprüfen.


Literatur:
Armin Kreiner, Gott im Leid: Zur Stichhaltigkeit der Theodizee-Argumente, Freiburg 3. Aufl. 2005.
Hans-Gerd Janßen, Gott – Freiheit – Leid. Das Theodizeeproblem in der Philosophie der Neuzeit, Darmstadt 1988.
Alexander Loichinger u. Armin Kreiner, Theodizee in den Weltreligionen, Paderborn 2010.
Susan Neiman, Das Böse denken. Eine andere Geschichte der Philosophie, Frankfurt a.M. 6. Aufl. 2011.
Hans Jonas, Philosophische Untersuchungen und metaphysische Vermutungen, Frankfurt a.M. 1992, 190-208.
Abraham Joshua Heschel, Gott sucht den Menschen. Eine Philosophie des Judentums, Neukirchen-Vluyn 1980, 282-293.
Eric Ormsby, Theodicy in Islamic Thought. The Dispute over Al-Ghazali's „Best of All Possible Worlds“, Princeton 1984.
Navid Kermani, Der Schrecken Gottes. Attar, Hiob und die metaphysische Revolte, München 2008.
Gottfried Wilhelm Leibniz, Die Theodizee (Philosophische Schriften Band II, hg. v. Herbert Herring), Darmstadt 1985.
Richard Swinburne, Die Existenz Gottes, Stuttgart 1987, 273-308.
 

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