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Grundzüge lateinamerikanischer Philosophie des 20. Jahrhunderts

Di, 14 (c.t.) - 16 Uhr, Hauptgebäude - 3.069 Prof. Dr. Michael Schulz

 

Was ist Philosophie? Auf dem Boden Lateinamerikas hat sich diese Frage mit neuer, verschärfter Brisanz gestellt. Zunächst importierte man Altbekanntes aus der „alten Welt“: koloniale Philosophie, abgelöst von Plagiaten der Europäischen Aufklärung. Aber der neue Kontext ließ bereits die traditionelle Philosophie über sich hinausgehen, um für die Rechte der ursprünglichen Bevölkerung des Kontinents eine konsistente Argumentation zu entwickeln. Ein komplexer Selbstentdeckungsprozess führte im 20. Jh. zur Genese einer genuin lateinamerikanischen Philosophie. Mit der Bestimmung „mestizaje“ (Mestizentum) schien ein erster Identitätsmarker gefunden. Verstärkt markierte dieser Identitätsmarker auch eine philosophierende Offenheit für die Weisheitstraditionen indigener Kulturen. Der kubanische Poet und Freiheitskämpfer José Marti (+ 1895) sah in den indigenen Traditionen ein amerikanisches Pedant zu den europäischen Anfängen der Philosophie bei den Griechen. Ethnologen identifizierten in der Tat eine historische Nahuatl-Philosophie, die sich von Mythen abhebt. Aber auch die mythischen Traditionen der Maya, der andinen Bevölkerung, der Mapuche und Guaraní werden philosophisch gelesen. Unter dem politischen Stichwort „Befreiung“ verbinden sich viele unterschiedliche philosophische Entwürfe des 20. Jh. miteinander. Dabei verwebt sich die Frage nach dem Wesen der Philosophie mit der Frage nach der Identität Lateinamerikas. Zunehmend zeichnet sich eine interkulturelle Formatierung der Philosophie ab, zu der ebenso eine interreligiöse Dimension gehört. Das Seminar führt anhand philosophischer Portraits in die Genese der lateinamerikanischen Philosophie ein und fokussiert den interkulturellen Aspekt (José Marti, José Enrique Rodó, Miguel León-Portilla, Miguel Hernández Díaz, Carlos Lenkersdorf, Josef Estermann, José Vasconcelos, José Gaos, Leopoldo Zea, Rodolfo Kusch, Arturo Andrés Roig, Francisco Miró Quesada, Augusto Salazar Bondy, Ernesto Mayz Vallenilla, Enrique Dussel, Ignacio Ellacuría, Horacio Cerrutti, Durán Casas, Carlos A. Cullen, Juan Carlos Scannone). (Spanischkenntnisse sind für die Teilnahme am Seminar hilfreich, aber nicht notwendigerweise erforderlich.)

 


Literatur:
Latin American Philosophy. For the 21st Century, hg. v. Jorge J.E. Gracia und Elizabeth Millán-Zaibert, New York 2004.


Raúl Fornet-Betancourt: Zur interkulturellen Kritik der neueren lateinamerikanischen Philosophie, Nordhausen 2005.


Josef, Estermann, Andine Philosophie. Eine interkulturelle Studie zur autochthonen andinen Weisheit, Frankfurt / M 1999.


Miguel León-Portilla, La filosofía náhuatl estudiada en sus fuentes, México 1966. / Das vorspanische Denken Mexikos. Die Nahuatl-Philosophie, Köln 1970.


Carlos Beorlegui: Historia del pensamiento filosófico latinoamericano, Bilbao 2. ed. 2006.


Enrique Dussel, Eduardo Mendita, Carmen Bohórquez: El pensamiento latinoamericano, del Caribe y “latino” 1300-2000, México 2009.

 

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