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Philosophie in Spanien: Unamuno, Ortega y Gasset, Zubiri und Ortiz-Osés

Mi., 8:30 (s.t.!) - 10 Uhr, 19.10.2016-08.02.2017, wöchentlich, HG / 1.070, Prof. Dr. Michael Schulz

Seminar: Mi., 8:30 (s.t.!) - 10 Uhr

Frequenz: wöchentlich

Zeitraum der Veranstaltung: 19.10.2016-08.02.2017

Raum: HG / 1.070

Lehprersonen: Prof. Dr. theol. Michael Schulz

 

Beschreibung:

Philosophie aus spanischer Produktion ist im deutschsprachigen Raum fast unbekannt. In ihrer 2002 veröffentlichten Dissertation über die Gegenwartsphilosophie der hispanischen Halbinsel berichtet Astrid Melzer-Titel von den erstaunten und skeptischen Reaktionen, die ihr Promotionsprojekt bei Fachkollegen hervorrief, bis hin zum unvermeidlichen Ausspruch „Das kommt mir spanisch vor!“

Am Anfang des 20. Jahrhunderts steht Miguel de Unamunos (1864-1936) philosophisches Hauptwerk „Über das tragische Lebensgefühl“ (1913). Unamuno lotet die seiner Auffassung nach unüberbrückbare Kluft zwischen Verstand und Leben, zwischen rationaler Einsicht und den weiter ausgreifenden Postulaten des Lebens und Gefühls aus. Den zwangsläufig tragischen Konflikt zwischen Vernunftwahrheiten und den vitalen Voraussetzungen des Daseins bringt er auf die Formel: „Alles Vitale ist antirational, und alles Rationale ist antivital“. So weist auch das Vitale über den Tod hinaus ins ewige Leben, während die Vernunft diesen „unvernünftigen“ Schritt verweigert. Die Romane Unamunos illustrieren diesen Zwiespalt und suchen nach Lösungen.

Die von Unamuno aufgerissene Kluft zwischen Verstand und Leben will José Ortega y Gasset (1883-1955) durch eine Philosophie des Lebens überbrücken. Bekannt wird er zunächst durch seine soziologische Studie „Der Aufstand der Massen“ (1930). In der Philosophie prägt er den Begriff von der „lebendigen Vernunft“ (razón vital), auf dem sein „raciovitalismo“ aufbaut. Im Unterschied zu Descartes‘ Vernunftverständnis versteht Ortega y Gasset das Leben als die umfassende Kategorie: Das Leben bedient sich der Vernunft, äußert sich in ihr, definiert die Vernunft durch die Lebensgeschichte. Das „Ich denke“ und „Ich bin“ sind keine abstrakten Größen, diese sind vielmehr bestimmt durch die konkreten Lebensumstände („Yo soy yo y mi circunstancia.“). Das Konzept von einer konkreten Vernunft, eingebettet in Kultur und Lebensumstände, hat insbesondere in Lateinamerika ein großes Echo gefunden.

Typisch für Xavier Zubiris (1898-1983) umfangreiches Opus ist ebenso eine wahrnehmungsbezogene, lebensphilosophisch orientierte Definition der Vernunft: sie ist Inteligencia sentiente, empfindender Intellekt, in dem sich eine Aktualisierung des Realen ereignet, das sich von sich aus in sinnlicher Vermittlung dem Menschen zeigt. Zubiri untersucht nicht nur, wie sich das Reale in der Vernunft darstellt bzw. von dieser dargestellt wird, sondern auch wie das Reale einen energetischen Eindruck im Menschen hinterlässt - wie es mit seiner Kraft und Macht in den Bann zu ziehen vermag und uns an sich rückbindet. Diese Rückbindung (re-ligatio / religio) findet im Göttlichen des Realen ein letztes Fundament.

Andrés Ortiz-Osés (1943-) entwickelt im Rahmen einer mediterranen Philosophie das Konzept der razón afectiva, der affektiven Vernunft. Diese bewegt sich nicht zuerst und ausschließlich in klaren und distinkten Begriffen, sondern vermag sich im Symbol und in der Metapher auszudrücken, im Logos und im ursprünglicheren Mythos. Wie das ins Deutsche kaum adäquat übersetzbare „estar“ (Sichbefinden) im Unterschied zu „ser“ (sein, esse) andeutet, interpretiert das spanische Denken „Sein“ nicht als gleichbleibende, abstrakte Größe, sondern situativ: als Aufenthalt, Verweilen, Bewegen und Beziehungsgefüge. Die Vernunft, die Realität und Sein dechiffriert, muss sich deshalb interkulturell verstehen; die Philosophie hat sich dementsprechend als Hermeneutik der unterschiedlichen Einstellungen zu Leben und Tod zu entwerfen.

Die Modernität des Südens zeigt sich philosophisch als Versuch, verschüttete Dimensionen der „nordischen“ Vernunft und der Realitätswahrnehmung zurückzugewinnen und eine inklusives, integratives Vernunftverständnis zu profilieren.
Interessiert?

Literatur:

Astrid Melzer-Titel: Modernität des Südens. Humanismus- und Renaissancebezüge als Argumentationsmuster in der Gegenwartsphilosophie Spaniens, Neuried 2002.

Ivo Höllhuber: Geschichte der Philosophie im spanischen Kulturbereich, München - Basel 1967.

Unamuno

Irmgard Stintzing: Landschaft und Heimatboden. Ideologische Aspekte eines literarischen Themas bei Maurice Barrés, Ángel Ganivet und Miguel de Unamuno, Frankfurt/M 1976.

Francisco-Javier Insauti Ugarriza: Miguel de Unamunos und José Ortega y Gassets Philosophie im Zusammenhang mit ihrer Hegel-Rezeption, Zorroaga 1993.

Ernst Robert Curtius: Kritische Essays zur europäischen Literatur, Bern 1950, 224-246.

Miguel de Unamuno: Das tragische Lebensgefühl, München 1925.

- ders.: Nebel, Frankfurt/M - Berlin 1996.

Ortega y Gasset

Rosemarie Winter: Ich bin Ich und mein Umstand. Grundlegung der Philosophie von José Ortega y Gasset, Marburg 2013.

Frauke Jung-Lindemann: Zur Rezeption des Werkes von José Ortega y Gasser in deutschsprachigen Ländern, Frankfurt/M 2001.

Sozial - und individualethische Aspekte der Philosophie des José Ortega y Gasset, Holzminden 1973.

José Ferrater Mora: Ortega y Gasset. An Outline of his Philosophy, New Haven 1957.

Ernst Robert Curtius: Kritische Essays zur europäischen Literatur, Bern 1950, 247-287.

José Ortega y Gasset: Der Aufstand der Massen, in: Gesammelte Werke 3: 7-155, Stuttgart 1978.

- ders., Was ist Philosophie? in: Gesammelte Werke 5: 313-515.

Zubiri

Thomas Fornet-Ponse: Xavier Zubiri interkulturell gelesen, Nordhausen 2010.

Diego Gracía: Xavier Zubiri (1898-1983), in: Emerich Coreth / Walter Neidl / Georg Pfligersdorffer (Hg.), Christliche Philosophie im katholischen Denken des 19. und 20. Jahrhunderts, Band 3: Moderne Strömungen im 20. Jahrhundert, Graz - Wien - Köln 1990, 646-661.

Xavier Zubiri: Das Wesen. München 1968.

Ortiz-Osés

Andrés Ortiz-Osés: Der Sinn (in) der spanischen Philosophie, in: Volker Rühle (Hg.), Beiträge zur Philosophie aus Spanien, Freiburg - München 1992, 211-233.

Andrés Ortiz-Osés: Razón y sentido. Aufsätze zur symbolischen Hermeneutik der Kultur, Erlangen 2006 (dt.-sprachige Aufsatzsammlung).

 

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